Texte

Michael Mayer, artnet Magazin, 24.04.2007
Visual Swing

Er gehört zu den Stillen. Das Laute, gar Vorlaute empfände er als unangemessen, vielleicht unhöflich. Die Verhaltenheit und Zurückhaltung jedenfalls, die man im Umgang mit ihm spürt, gehört unverkennbar zu seinem Lebensstil und Gestus. Nicht nur dem der Person: Die Kunst des Johannes Lacher, die derzeit in der Galerie parterre in Berlin-Mitte gezeigt wird, besticht durch eine Schlichtheit, Kargheit und auch Klarheit, deren eigenartige Raffinesse sich dem nur erschlieflt, der sich ihrer „radikalen Grundlosigkeit“ (Lacher) aussetzt. Die Grundform der Bilder selbst ist durchgängig quadratisch, mithin ohne Präferenz für eine horizontal oder vertikal ausgerichtete Lenkung des Blicks. Das Weiss, sein bevorzugter Bildgrund, wird zum Schauplatz geometrischer Elemente präpariert, die sich auf dieser Fläche farblich abgehoben präsentieren. Oder ist es umgekehrt? Tatsächlich changieren Forder- und Hintergrund seiner Bilder wie bei einem Vexierbild, so dass endlich unentschieden bleibt, ob die Figuren das Weiss als Bildgrund dominieren oder selbst den Hintergrund ausmachen für eine Fläche, aus der Formen ausgestanzt wurden.
Die Serialität in und zwischen den Bildern, die auf den ersten Blick mathematisch exakt anmutet, wird konterkariert durch eine Abweichung, deren Minimalität einen enormen Effekt zeitigt. Man nimmt sie bewusst nicht sofort wahr, spürt sie aber sofort. Wäre sie zu offensichtlich, wäre sie ihrerseits berechnend, berechnet. So aber, dank einer zuweilen kaum noch fassbaren Ablenkung, derhythmisiert Lacher in seinen Bildern den Rhythmus ihrer Serien, ohne ihn außer Kraft zu setzen. Auf diese Abweichung von der Serie in der Serie, dieses synkope Stottern in den Bildern und zwischen den Bildern legt Lacher allen Wert. Er, der Jazzfan, nennt sie „Visual Swing“: das ein wenig, nur ein wenig zu frühe oder zu späte Einsetzen eines Taktschlags, das den ganzen Unterschied ausmacht zwischen Marsch und Swing, zwischen der schlichtschönen Eleganz der Kunst und Architektur etwa des Bauhauses und der vom Kontroll- und Ordnungszwang dominierten Monumentalität autoritärer und faschistischer Bauten. Es ist der Unterschied zwischen einer den Menschen herausfordernden Kunst und einer Künstlichkeit, die ihn erdrückt. Es ist ein Unterschied ums Ganze.
Botschaften hat Lacher keine. Jedenfalls keine, wie sie im weltanschaulichen Lautgebell des derzeitigen Kunstbetriebs en vogue geworden sind. Alles bei ihm bleibt Kunst, ist Kunst, inkompatibel zur herrschenden Manie, jedes sinnliche Zeichen als Träger eines sprachlich verwertbaren Sinns zuzurichten.

Seine Bilder verlangen Aufmerksamkeit, fordern sie. Das lässt sich gewiss leicht sagen, weil jedermann zu glauben meint, was das denn sei. Doch schon Freud, schon Novalis entdeckten in ihr eine Haltung, die sich der Opposition zwischen gezielter Aktivität und kontemplativer Versunkenkeit nicht fügt. Aufmerksamkeit heißt hier, vor diesen Bildern empfänglich zu sein für einen Vorfall, auf den man wartet, ohne ihn zu erwarten; ohne zu wissen, dass er kommt. Das klingt im wortwörtlichen Sinne paradox. Und ist es auch. Wer die Bilder Johannes Lachers sieht, sich ihnen aussetzt, merkt alsbald, dass das Paradoxe eine Wirklichkeit eigener Art ist.

Ingeborg Ruthe in der “Berliner Zeitung” 03.05.2007

Lacher ist offensichtlich dem Wesen der Malerei an sich auf der Spur. Seine abstrakt-geometrischen Werke sind keine Abbilder. Vielmehr entstehen Bilder im reinsten Sinne des Wortes: Form, Farbe und Material als kleinste Elemente der Malerei verweisen auf sich selbst.

Es ist müßig, solche Motive zu deuten, denn dem nach Gegenständlichkeit und Botschaft suchenden Blick verschlißen sie sich, Offenheit und Transparenz ergeben sich nur einem
absichtslosen Sehen. Ganz im Sinne der radikalen Malerei bleibt als einziger Inhalt: das Bild selbst.